Photonews 3/2010
Per Englund: Life Geos On. Snapshots from Cape Town
Die Spuren kolonialer Geschichte in Per Englunds Fotografien von Kapstadt sind unübersehbar. Eine Grünanlage steht leer, mit Ausnahme zweier Laternen wie man sie im London des ausgehenden 19. Jahrhunderts verorten möchte. Ein adrett gekleideter Schwarzer postiert vor einem ornamentalen Säulenportal, wie eine Beigabe architektonischer Grösse. Doch beschauliche Gartenkunst und architektonischer Pomp überlagern sich bald mit der Ziellosigkeit einer Gruppe verirrter Perlhühner und dem Anblick unbeirrbar Schlafender im Strassenbild.
Urteilslos zeichnet der schwedische Fotograf das Bild einer Stadt voller Antagonismen. Eine Frau von beträchtlichem Körperumfang verstellt das Strandpanorama, und hinter einer gepflegten Innenstadtfassade erhebt sich ein Blindgiebel mit der Ladenaufschrift City Guns. Wer sich ein Bild der vorherrschenden Ordnung in Kapstadt machen will ist mit Per Englund hoffnungslos verloren. Was Englund notiert ist vielmehr eine Vielzahl Ordnungen, und deren jeweilige Aufhebung. Die Widersprüche die diese Blickweise impliziert lassen jedes kritisch-distanzierte Interesse in die Leere laufen -was Englunds Bilder zusammenhält ist vielmehr eine bebende Liebe für eine Stadt die einer programmatischen Ordnung zu folgen ausserstande scheint.
Etwa in Buchmitte folgt ein zitterndes Panorama der Stadt nach Sonnenuntergang. Ein gekonnter Bruch, auf den Bilder aus Kapstadts Nachtleben folgen. Nackte Haut, leere Sektflaschen und ein vollbesetzter Golf. Die Fahrt führt durch Bars, Diskotheken und Hotelzimmer. Das Layout wird unruhiger, die Bilder lauter. Taumelnde Körper, zielloses Blitzlicht und die Reflexstreifen einer Boxershorts sprechen selbstsicher die Sprache einer Jugendkultur wie sie in ihrer Umarmung kultureller Differenzen zu einer Weltsprache geworden ist. Der Fotograf selbst, von einer Freundin im Halbdunkel aufgenommen, agiert Modell -wie um jedweden Verdacht einer kritischen Objektivität Lügen zu strafen.
Auch wenn Englunds Fotografie jeder Glanz, jede Ästhetisierung fremd zu sein scheint -die Bilder kommen wie absichtslose Notizen in Schwarzweiss daher -liegt eine Affinität zur Modefotografie auf der Hand. Als Assistent eines schwedischen Modefotografen reiste Per Englund anfänglich nach Kapstadt, eigene Reisen folgten und eröffneten dem Fotografen einen wachsenden persönlichen Zugang zu der Stadt und ihren Bewohnern. Es sind gleichermassen ein Blick für den unwiederbringbaren Auftritt wie ein Verständnis der kulturellen Codes, die Englund dieses Buch ermöglichten. Seine Schönheit liegt damit weniger in einer Ästhetisierung des Abgebildeten als in der Authenzität des Erlebten.
Vielleicht liegt die Stärke von Life Geos On: Snapshots from Cape Town gerade in seiner paradoxalen Nähe zur Modefotografie. Gleichzeitig wie Englund sich ihrer entpolitisierenden Sprache bedient, ihres Nichtthematisierens, ihres Nichtverharrens, ihres Grosschreibens individuellen Begehrens, scheint die einzig verhandelte Ware der Identitäten stiftende Raum den der Fotograf selbst geschaffen hat. Das Objekt der Fotografie hat sich verflüchtigt, der Fotograf bleibt: man freut sich mit Englund, dass er der Stadt die Treue gehalten hat.